Die Freuden und Leiden des Nomadenlebens

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Das ist der Blick von einer meiner Heimaten in der Welt: Laupahoehoe auf Big Island, Hawai’i

Eins ist klar. Ein Nomadenleben ist eine tolle Sache. Du bist ständig unterwegs, lernst viele Leute kennen, hältst dich an den schönsten Gegenden der Welt auf und hast keinen geregelten Arbeitstag. Du lebst im Moment und bist frei, zumindest äußerlich. Es gibt viel zu lernen, du öffnest dich für neue Kulturen und wirst dadurch reifer und selbstbewusster. Und wenn du es zulässt, veränderst du dich oft völlig. Zum Positiven.

Ein Nomadenleben wird nie langweilig. Es gibt viel viel Neues zu erkunden: wo du schlafen wirst, wo du Essen einkaufen kannst, wo du gleichgesinnte Leute triffst, wo es Internet gibt, wo ein Geldautomat ist, wo du ein Auto herbekommst, und so weiter. Auch gibt es eine wunderbare Gemeinschaft des ‘Fahrenden Volks‘ überall auf der Welt. Leute, die so leben wie du und verstehen, was es heißt, frei in den Tag hinein zu leben. Mit diesen Leuten schließt du oft und schnell tiefe Freundschaften, die ein Leben lang halten.

Kurzum, es ist ein wunderschönes, bereicherndes Leben, von dem viele, die im Alltag feststecken, oft nur träumen. Daher würde ich jedem raten, den die Sehnsucht gepackt hat, es auch einmal auszuprobieren. Mit der Digitalisierung der Welt ist es heute auch nicht mehr sehr schwer, selbst als Nomade unterwegs Geld zu verdienen.

Aber ist das wirklich alles? Sicherlich gibt es auch hier Schattenseiten. Und ja, die gibt es in der Tat. Für mich war es irgendwann die körperliche und geistige Anstrengung, die mich meinen Lebensstil überdenken ließ. Zehn Jahre ohne ein festes Zuhause sind eine lange Zeit, besonders, wenn man so viel unterwegs ist wie ich es war. Auf der einen Seite war es schön, ein Baumhaus im kanadischen Wald oder eine Luxus-Holzhütte mit Blick aufs Meer in Hawai’i zu mieten. Auf der anderen Seite war es aber auch anstrengend, ständig umzuziehen, und sich fortwährend was Neues suchen zu müssen. Es kostet viel Energie, die ich irgendwann in etwas Anderes investieren wollte. Als kreativer Mensch brauche ich auch immer wieder die Ruhe und vielleicht auch ‘Langeweile‘, um neue Bücher zu schreiben und meine Seminare weiterzuentwickeln. Das alles geht auch ‘on the road‘, aber es ist wesentlich schwieriger.

Vor vielen Jahren, bevor ich meine große Reise angetreten habe, las ich einmal ein Zitat in einem Buch von einer Frau, die sieben Jahre lang unterwegs war. Sie schrieb, dass sie nach dieser Zeit einfach ‘awed out‘ war, das heißt, sie hatte einfach zu viele wunderbare, aufregende Dinge gesehen und sehnte sich nun nach einer einfachen Tasse Tee in ihrer regnerischen Heimat England. Damals konnte ich das Zitat noch nicht richtig verstehen. Heute kann ich’s.

Weiterhin war es bei mir auch die spirituelle Praxis, die durch die ständige Bewegung gelitten hat. Es war wichtig für mich, zu reisen und bei verschiedenen Lehrern zu studieren. Nur so konnte ich die Spiritualität Indiens wirklich erleben und verstehen. Aber als ich tiefer in die Meditation eintauchte, sehnte ich mich irgendwann nur noch nach Stille und Tiefe. Das Äußere und die Bewegung verloren an Wichtigkeit. Wie der spirituelle Autor Eknath Easwaran einmal sagte,

‘Often, the search for meaning does start with a sense of restlessness, which can carry us all over the world. But sooner or later every serious student of life sets aside passport and visas and settles down to look within.’  (Oftmals beginnt die Suche nach Sinn mit einer Art von Unruhe, die uns durch die ganze Welt bringen kann. Aber früher oder später legt jeder ernsthafte Student des Lebens seinen Reisepass zur Seite und lässt sich nieder, um nach innen zu schauen.)

Ein Nomadenleben heißt, nicht viel Kontinuität im Leben zu haben. Sicher, du besuchst immer wieder die gleichen Plätze und wirst dort irgendwie ansässig, aber vieles wird doch durch die häufige Bewegung unterbrochen. Und überall, wo du bist, fängst du wieder von vorne an. Es ist zudem schwierig, Beziehungen zu führen – es sei denn, du triffst jemanden, der genau dort hinwill, wie du auch. Letztendlich sind diese Beziehungen oft kurzlebig, weil freisinnige Menschen eben freisinnig sind und sich nicht gerne binden, weder an Orte noch an Menschen. (Nomad Soulmates, eine neue Internet Dating Platform, versucht gerade, diese Probleme zur vereinfachen: https://blog.nomadsoulmates.com/)

Eine Freundin sagte mal, dass diese Art von Reisen vergleichbar ist mit einer Menge One-Night-Stands. Man erlebt viel Abwechslung und Aufregung, aber oft wenig Tiefe. Das stimmt. Und nach dieser Tiefe sehnte ich mich nun schon seit einer geraumen Weile. Und daher sprang ich, wie vor zehn Jahren auch, wieder ins Ungewisse. Ich kehrte nach Deutschland zurück, mietete mir eine Wohnung und fing noch mal von vorne an.

Wieso bin ich nicht nach England zurückgekehrt, wo ich einen großen Teil meines Lebens verbrachte, wo ich viele Freunde habe und auch viel gearbeitet habe? Gute Frage. Ein weiterer Nebeneffekt des Nomadenlebens ist jedoch, dass du dich oft so veränderst, dass du nicht mehr in dein altes Umfeld hineinpasst. Die Freundschaften bestehen weiterhin, aber alles ist anders, selbst der Platz übt nicht mehr die gleiche Wirkung aus wie früher. Du bist aus ihm herausgewachsen, und daher ist Rückkehr oft nicht die Antwort.

Was meiner Entscheidung, nach Deutschland zu gehen, half, waren einige Dinge. Erstmal musst du dir natürlich überlegen, was beruflich passieren soll. Als Seminarleiterin und Autorin kann ich fast überall arbeiten, aber in meinem Bereich des Yogas und der Spiritualität braucht es auch ein Land, in dem fruchtbarer Boden ist. Zudem brauchte mein Körper nach mehreren Jahren Indien einen Platz, an dem es einigermaßen saubere Luft und Wasser, Ruhe, viel Natur und gute Bionahrung gibt. Das alles passte gut zu Deutschland. Ich hatte das Land in den letzten Jahren immer mal wieder besucht und auch Seminare geleitet und wusste daher, dass es klappen kann. Und natürlich ist hier auch meine Familie, bzw. meine Eltern, vor denen ich damals regelrecht geflüchtet bin. Das alles wollte ich mir mit der Weisheit meines spirituellen Wachstums noch einmal ansehen und auch testen, ob die ganze Meditation überhaupt etwas gebracht hat. 🙂 Wie Ram Dass so schön sagte, ‘if you think you’re enlightened, go spend a week with your family.’ (Wenn du glaubst, dass du erleuchtet bist, dann geh und verbringe eine Woche mit deiner Familie.)

Und das ist wahr. Früher oder später müssen wir unseren Frieden mit der Vergangenheit schließen, egal wie. Oftmals befindet sich im Nomadenleben auch eine Portion Weglaufen. Wovon ich mein ganzes Leben lang weggelaufen bin, habe ich endlich dieses Jahr in einem Stille-Retreat verstanden. Und es ist an der Zeit, sich dem zu stellen.

6 thoughts on “Die Freuden und Leiden des Nomadenlebens

  1. Another great post I’m enjoying reading these sister. 🙂

    Though I have to disagree with the lack of depth on the road. From my own experience, I have connected more deeply with people on the road, then the ones I meet in my town in the west. (You are a perfect example of this!) xo

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    1. Thank you dear Indica! Yes, you are of course right. I was meaning in general and not so much with people. Like you, I have made the deepest friendships on the road. But in terms of going deeply into relationships where the day to day issues come up, before you get to that, you have often already moved on. And also in terms of work – by the way, it was you who made that one night stand comment, lol! But we were talking in relation to work and clients (workshops versus longer consistent courses). Love you sister and thank you for your support!

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  2. Willkommen zurück!

    Ich habe mein Erwachsenenleben ähnlich nestflüchtig begonnen und bin nun selbst gerade in die Heimat zurück gekehrt. Ob ich hier sesshaft werde, oder nur ein bisschen verschnaufe, das wird sich zeigen. Für den Moment genieße ich jedenfalls Entschleunigung und familiäre Anbindung.

    LG, Kaat 🙂

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