Der Veränderung Raum geben: Wie du die Entzugserscheinungen nach deinem Auslandsaufenthalt lindern kannst

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Trotz all meiner guten Gründe, dem Nomadenleben abzuschwören, war es anfangs doch nicht einfach. Es war vergleichbar mit einer Scheidung. Ich wusste zwar, dass es an der Zeit war, etwas Anderes zu tun als Reisen und dass ich die richtige Entscheidung für mich getroffen hatte, aber trotzdem setzte mir diese Umstellung teilweise ganz schön hart zu. Ich hatte manchmal regelrechte Entzugserscheinungen und war geplagt von einer inneren Unruhe, die ich nur allzu gut kannte und die mich immer wieder zum Weglaufen bringen wollte. Ich fragte mich des Öfteren, ob ich denn spinne, die Himalayas und Hawai’i für das oft graue Deutschland einzutauschen.

Hier war es wichtig, diese Unruhe, Widerstände und Zweifel als Teil des Veränderungsprozesses zu erkennen, ihnen Raum zu geben und sie anzunehmen. Und wie bei jeder Trennung – denn so eine große Veränderung, selbst wenn sie gewollt ist, ist auch immer eine Trennung und tut weh – war es wichtig, zu trauern. Und das braucht Zeit und Verständnis.

In solchen Momenten erinnere ich mich gerne an Juliet Binoche in dem Film ‘Chocolat‘, in dem sie jedes Mal ihre Sachen packt und woanders hingeht, wenn der Wind weht. Es ist ein Gefühl, das sie niemandem erklären kann. Sie weiß nur, dass sie gehen muss, wenn es sie überkommt. Am Ende des Films wird ihr aber bewusst, wovor sie wegläuft, und was sie verpasst, wenn sie immer geht, wenn es tiefer, spannender und vielleicht auch schwieriger wird. Aber interessanterweise waren genau die viele Reisen notwendig, um sie genau an diesen Punkt zu bringen.

Daher: besinne dich auf deine Gründe für die Veränderung. Warum hast du dich dafür entschieden, erstmal nicht mehr zu reisen? Wenn es finanzielle Gründe sind und du eigentlich lieber noch reisen würdest, dann rate ich dir, ein paar Monate lang Geld zu verdienen und mit dem Nomadenleben weiterzumachen. Oder aber du suchst dir unterwegs Arbeit, per Internet oder vor Ort. Denn das Reisefieber wird dich immer wieder packen, wenn es du es nicht vollständig ausgelebt hast. Erlaube dir also, es auszuleben, bis es von selber verschwindet.

Die Entscheidung, sich niederzulassen, entsteht nicht von heute auf morgen. Bei mir hat es Jahre gedauert, bis es soweit war. Vor etwa vier Jahren wollte ich es schon einmal versuchen. Aber es ging gar nicht, und es war auch noch nicht der richtige Zeitpunkt. Auf einmal traf ich ‘zufällig‘ meinen indischen Yogalehrer in Australien, der in mir eine große Sehnsucht nach Rishikesh auslöste, und bevor ich es recht wusste, war ich wieder in Indien. Und dort traf ich, wieder ‘zufällig‘, meinen spirituellen Meister, und blieb die nächsten Jahre erstmal da. Es war auch sehr wichtig, das zu tun, denn viele Dinge geschahen in diesen Jahren, die mich gut auf meine Heimkehr vorbereitet haben.

Was ich damit sagen will – der richtige Zeitpunkt, um mit dem Reisen aufzuhören, wird von selber kommen. Oder auch nicht! Es gibt Leute, die reisen ihr ganzes Leben lang und hören nie damit auf. Pass also genau auf, was geschehen will. Was sagt dir dein Herz, was sagt dir dein Verstand, und was willst du eigentlich wirklich, jetzt?

Wenn du dich aber dafür entschieden haben solltest, dich niederzulassen, dann ist es hilfreich, dich auf deine Prioritäten zu konzentrieren. Vielleicht ist dir eine Beziehung wichtig geworden, oder du willst deine Arbeit vertiefen, oder vielleicht sehnst du dich einfach nach deiner Familie oder einem Zuhause. Wie alles andere hat auch das Nomadenleben zwei Seiten. Konzentriere dich also auf das, was du beim Reisen vermisst hast und was du jetzt verstärkt in dein Leben rufen möchtest. Denk daran, dass es Zeit braucht, bis du dich eingelebt hast und bis die Dinge wieder fließen.

Und: gehe sanft mit dir selbst um. Vielleicht kannst du zwischendurch kleinere Reisen machen, oder aber dein einstiges Land alle zwei Jahre für längere Zeit besuchen. Bleib mit deinen Freunden aus der Auslandsheimat in Kontakt und freue dich darauf, sie irgendwann wiederzusehen. Aber sei auch im Hier und Jetzt. Nach der anfänglichen Trauerzeit ist es gut, die Erinnerungen an das Vergangene mit neuen Erfahrungen auszutauschen.  Vielleicht machst du mal eine Facebook-Pause und triffst dich dafür lieber mit Leuten aus deiner Umgebung zum Tee.

Knüpfe daher Kontakte in deinem Umfeld und suche dir gezielt Leute, mit denen du Interessen teilst.  Ich war zum Beispiel erstaunt, herauszufinden, wie viele alternative, spirituelle Leute mit Reiseerfahrung es in meiner neuen, ländlichen Heimat gibt. Selbst in meinem kleinen Dorf wohnt eine Kundalini-Yogalehrerin und im nächsten Dorf ist eine Yogaschule. Und ein riesiger Bonus für mich ist, dass die indische Mystikerin Mother Meera fast um die Ecke von mir ihren wöchentlichen Darshan gibt. Wenn du dich dafür öffnest, gibt es überall wunderbare Überraschungen. Und wenn du genau hinhörst, dann kannst du darauf vertrauen, dass dich das Leben immer genau dort hinbringt, wo du sein sollst.

 

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