Das ‘graue Korsett’ Deutschlands: warum fühlt sich unser Land oft so schwer an?

Momo-michael-ende

Eine Sache, die mir immer wieder auffiel, als ich aus Indien am Frankfurter Flughafen ankam, war die Farbe grau. Es war nicht nur das graue Wetter, der graue Beton überall oder die grauen Kleider, welche die Menschen hier so gerne tragen. Nein. Da war noch etwas Anderes. Ich verspürte ein graues Gefühl, etwas Beengendes und auch Schweres, Beklemmendes, das mir manchmal fast den Atem raubte. Dieses Gefühl spiegelte sich wider in den bedrückten, ärgerlichen und oft gehetzt erscheinenden Gesichtsausdrücken und gebeugten Haltungen der Menschen, die mir in den Städten begegneten. Es war so völlig anders wie in den sonnigen Ländern, wo die Menschen oft und gerne lachen, und auch gerne bunte Kleider tragen. Irgendwie erinnerte es mich an eine Szene aus Michael Endes Buch ‘Momo‘.

Als ich diese Beobachtung kürzlich mit meiner überaus klugen Freundin Kassandra Knebel besprach, wusste sie sofort, was ich meine. ‘Ja!’, rief sie aus, ‘es handelt sich hierbei um das graue Korsett!’ Dieses, sagte sie, hänge schon immer wie eine dunkle Wolke über Deutschland. Und damit traf sie den Nagel auf den Kopf.

Je länger ich hier verweilte, umso neugieriger wurde ich. Was ist dieses graue Korsett, das so viele Menschen hier zu tragen scheinen, und warum ist das so? Ich habe diese Atmosphäre in kaum einem anderen Land verspürt – mit einer Ausnahme vielleicht. Etwas Ähnliches, allerdings Extremeres, erlebte ich in dem kleinen sizilianischen Dorf Corleone, in dem viele Menschen von der Mafia ermordet wurden und in dem erhebliche Trauer und Angst herrschen.

Es wäre jetzt einfach, sich darüber lustig zu machen und zu sagen, dass die Deutschen eben  keinen Humor haben und sich gerne grämen. Aber das wäre nicht ganz richtig. Meines Erachtens nach hat dieses ‘graue Korsett’ viel mit der noch unverarbeiteten Kriegsgeschichte Deutschlands zu tun. Viele Menschen, besonders die Nachkriegsgeneration, zu der auch meine Eltern gehören, sind innerlich noch traumatisiert von dem ganzen Leid, das sie damals im Kindesalter miterlebt haben und nie richtig verarbeiten konnten. Es gab unzählige Flüchtlinge, die alles verloren haben; viele Menschen, die Hunger, Armut, Grausamkeit und Tod hautnah miterlebt haben. Und dazu kommt natürlich noch der Holocaust, und die Hexenverbrennungen aus dem Mittelalter, die hier besonders massiv waren. Im kollektiven Unterbewusstsein Deutschlands stecken noch eine Menge an Schuld, Angst und Misstrauen.

Mir kommt es so vor, als herrsche in Deutschland eine unterschwellige Angst, wieder alles zu verlieren, und auch eine Angst vor anderen Menschen. Ich spüre hier oft Argwohn und auch Abwehr zwischen Leuten, die sich nicht kennen. Das merkt man schon an den verwunderten und manchmal auch verängstigten Gesichtsausdrücken der Menschen, wenn man ihnen einfach mal so zulächelt oder sie grüßt, selbst wenn man sie nicht kennt.

Ich lese zu diesem Thema gerade ein interessantes Buch namens ‘Dieser Schmerz ist nicht meiner – Wie wir uns mit dem seelischen Erbe unserer Familie aussöhnen’ von  Mark Wollyn. Es geht dabei um Epigenetik, d.h. wie sich Traumata von Generation zu Generation übertragen können, wenn sie nicht geheilt werden. Das Buch gibt zudem auch gute Tipps, wie man sich von Gedanken und Gefühlen, die eigentlich von unseren Vorfahren kommen, lösen kann. Der Autor ist früher genau wie ich um die Welt gereist, um Heilung und Erleuchtung zu erfahren, und hatte dann das grosse Glück, einen Guru zu treffen, der zu ihm sagte, ‘Geh heim. Geh heim und ruf Deine Eltern an.’ Wutentbrannt – denn das wollte er gar nicht hören  – ging der Autor sofort zum nächsten Guru, der ihm genau das Gleiche riet. Diesmal hörte er auf die Nachricht, fuhr nach Hause und erfuhr dort mit seinen Eltern die grösste Heilung und Erleuchtung seines Lebens.

Und somit wären wir wieder beim Thema der inneren Freiheit. Ich bin damals auch wegen des grauen Korsetts aus Deutschland geflüchtet. Aber inzwischen denke ich, dass es an der Zeit ist, dieses Gefühl nicht mehr von mir wegzuschieben, sondern es in mir selbst zu transformieren. Ich bin daran interessiert, mir die Traumata meiner Vorfahren – die ich ja auch in gewissem Maße geerbt habe – anzusehen, um sie zu heilen und aufzulösen. Und das geht nun mal am besten an dem Ort, an dem sie entstanden sind, und mit den Menschen, mit denen in diesem Leben alles angefangen hat.

 

2 thoughts on “Das ‘graue Korsett’ Deutschlands: warum fühlt sich unser Land oft so schwer an?

  1. Thank you for this lovely piece sisterji. I have been working with a guide here in Tiru’, who I have known about for years through a close sister. But never went to see her previously. Apparently the time is now…to go deeper with some physical pains externally, that are related to much deeper internal wounds. So I began working with her amid this particular journey. Much work has unfolded these past couple of months here in Arunachala with lifting this burden that my foremothers have been carrying for four generations, related to a known and avoidable death that unfolded through ritual. I had a message about this three years ago from another guide, but apparently now was the time to really go into it and work to dissolve this ancestral burden. I commend you for your good work. Keep on shining. Loving you always. xo

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  2. Thank you for your thoughtful and sincere comment! That is truly wonderful. Seems like we are in a very similar place, since that is unfolding for me over here as well. And it is not surprising that the work is happening for you in India, since that is where your ancestors are from. I do believe that going into the energy field where certain traumatic events have happened does facilitate the process. Really beautiful, Indica. And I do experience that it becomes a lot easier when we realize that what we carry is not ‘personal’ – that very often our personalities are the result of inherited feelings and events. Much love to you on your unfolding journey xxx

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