Kleine Schätze: das Schöne an der Heimkehr

 

wald

So, nachdem ich nun lange genug darüber geschrieben habe, was schwierig ist an einer Heimkehr nach dem Nomadenleben, ist es nun an der Zeit, zu erzählen, was denn eigentlich schön daran ist. Was hat mich dazu bewegt, in meine alte Heimat zurückzukehren, und was gefällt mir hier? Da gibt es einiges.

1. Der deutsche Wald

Eine Sache, die ich wirklich an Deutschland liebe, sind die schier endlosen Wälder. Ich glaube, man könnte hier tage- oder gar wochenlang durch die Wälder streifen, ohne jemandem zu begegnen. In anderen Ländern, wie z.B. in USA oder Kanada, habe ich erlebt, dass viele der wunderschönen Wälder oder sogar Strände privatisiert sind. Man muss teilweise ziemlich lange Strecken mit dem Auto zurücklegen, um dann in einem National Park spazieren zu gehen. In manch anderen Ländern gibt es keinen oder nur sehr wenig Wald. Für eine Waldfee wie mich ist der Wald hier ein wahrer Reichtum.

2. Familiärer Anschluss und die damit verbundene Heilung

So sehr die Familie auch nerven kann, sie hat viel mit unserer Heilung und letztendlich auch Freiheit zu tun. Ich geniesse es gerade sehr, meine Eltern öfters zu sehen, etwas mit ihnen zu unternehmen und an ihrem Leben teilzunehmen. Durch diesen Kontakt sehe ich viele Dinge, die ich in der Ferne nicht so gut sehen konnte. Ich lerne, sie als Menschen (und nicht nur Eltern) zu sehen, und mich vom ‘Kind sein’ zu de-identifizieren. Zudem merke ich auch immer wieder, wie meine Familie zu mir hält, mich unterstützt und für mich da ist, egal, was ich tue. Das ist mir viel wert.

3. Meine Erfahrungen zu teilen

Nach zehn Jahren Reisen fühlte ich mich irgendwann sehr satt,  fast schon so, als sei ich schwanger mit den vielen Erfahrungen, die ich angesammelt hatte. Somit war es an der Zeit, diese Erfahrungen mit anderen zu teilen. Das hatte ich natürlich auch schon während des Reisens durch Blogs, Artikel, Fotoausstellungen und mein Buch getan, aber jetzt kommt eine andere Qualität hinzu. Es ist schön, aus dem Erfahrungsschatz zu schöpfen, ohne,  dass ständig etwas Neues, Aufregendes dazukommt. Ich weiss viele Dinge, die ich auf Reisen erlebt habe, erst jetzt richtig zu schätzen und auszukosten.

4. Ein Zuhause zu haben

Ich glaube, in den letzten Jahren bin ich um die dreihundertmal umgezogen. Packen, weiterziehen, packen, weiterziehen. So schön das auch war, jetzt bin ich wieder froh, eine Wohnung zu haben, die ich so einrichten kann,  wie ich will, in der ich täglich in Ruhe meine Sadhana machen, kochen, arbeiten und einfach sein kann – ohne bald schon wieder packen zu müssen. Klar, unser wirkliches Zuhause ist in unserem Herzen. Aber wir haben eben auch Körper, und meiner freut sich gerade, diese Ruhe zu haben.

5. Kontinuität – in Arbeit und Freundschaften

Es war schön, immer in Bewegung zu sein. So wurde nie etwas langweilig. Wo immer ich war, wurde ich freudig willkommen geheissen, denn ich war ja rar. Aber ich habe eben auch viel verpasst. Geburtstage, Hochzeiten, Beerdigungen, und andere wichtige Events im Leben meiner Freunde. Es ist schön, meine Freunde nun oft zu sehen und tiefer in diese Beziehungen einzutauchen. In meiner Arbeit kann ich jetzt ebenso viel tiefer gehen, durch wöchentliche und monatliche Kurse mit den gleichen Studenten, und endlich bin ich lange genug an einem Platz, um eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin im Hospiz zu machen.

6. Die (relativ) stille Kultur

Ich hörte gestern ein Zitat von meinem Guru Sri Prem Baba, der gerade in Indien ist. Er sprach über die Motivation der spirituellen Schüler, die nach Indien kommen, um in die Stille einzutauchen. Gleich darauf bekam er einen Lachanfall, denn Indien ist nun mal kein stiller Platz. Es gibt dort ständiges Gehupe, Geschrei, Motorräder, laute Musik, Hundegebell – bei Tag und bei Nacht. Sicher, man lernt dort, selbst bei dem Lärm gelassen zu bleiben und innerlich still zu werden. Aber: ich weiß die Stille in Deutschland jetzt umso mehr zu schätzen. Und mein Nervensystem weiß das noch viel mehr.

7. Die (relative) Freiheit der Frauen

Man könnte jetzt sagen, dass es auch im Westen immer noch keine Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau gibt – aber wenn man mal gesehen hat, wie ein Großteil der Frauen in Asien oder im Mittleren Osten lebt, dann haben wir hier schon eine enorme Freiheit. Hier schätze ich, dass ich mich frei entscheiden kann, ob (und wen) ich heiraten möchte oder nicht, ob ich Kinder möchte oder nicht, dass ich mein Haus unverschleiert und unbegleitet verlassen darf, dass ich mir meinen Beruf auswählen kann, alleine reisen und frei meine Meinung sagen kann. Und dass es hier Anti-Diskriminierungsgesetze gibt. Das ist nicht in allen Kulturen selbstverständlich. Und was mir noch sehr gut gefällt, ist, hier nicht ständig angestarrt oder angequatscht zu werden.

8. Das soziale System

Okay, das mag sich jetzt spießig anhören, aber nachdem ich gesehen habe, wie viele Menschen in Indien auf der Strasse leben und sich jeden Tag fragen, wo sie ihre nächste Mahlzeit herbekommen, weiß ich das deutsche Sozialsystem zu schätzen. Kein Mensch muss hier verhungern. Es gibt Arbeitslosengeld, staatliche Krankenkassen und alle möglichen Unterstützungen für Menschen in Not. In vielen anderen Ländern gibt es das nicht. Arbeitslose, behinderte oder kranke Menschen leben dort in teilweise sehr unwürdigen Zuständen mit wenig oder keiner Hilfe von ihrer Regierung.

9. Das Umweltbewusstsein 

Wenn man in Indien oder auch woanders in Asien gelebt hat, dann kennt man den beissenden, giftigen Geruch von brennendem Plastik, der einem jeden Tag in die Nase steigt. An vielen Plätzen dort gibt es keine Müllabfuhr, und jeglicher Müll wird entweder verbrannt oder in die Natur geworfen. Das hat vielerlei Gründe, die erst noch von den dortigen Menschen und Regierungen gelöst werden müssen. Was ich damit sagen will, ist, dass ich nach diesen Erfahrungen das deutsche Umweltbewusstsein, das Recycling und auch die ständige Bewegung in Richtung Nachhaltigkeit und Bio-Nahrung sehr zu schätzen weiß.

10. Mich neu zu vernetzen und alles neu zu erleben

Da ich so lange weg war, kannte ich erstmal nicht so viele Leute hier. Dies ändert sich nun langsam, und ich lerne fast täglich neue, interessante Menschen kennen. Und bin oft erstaunt, was und wen es so alles in Deutschland gibt! Ich dachte immer, ich muss weit weg, um Abenteuer zu erleben. Vielleicht liegt es gerade daran, dass ich so viel von  der Welt gesehen habe. Aber jetzt sehe ich vieles mit ganz anderen Augen. Es ist auf einmal so viel Raum in mir, so dass ich die kleinen Dinge ganz anders und viel schöner wahrnehme als je zuvor. Es ist hier eigentlich alles genauso spannend wie in der Ferne. Ich glaube, der Abenteuersinn liegt einfach in uns, wie alles andere auch.

11. Die Jahreszeiten

Die Jahreszeiten habe ich wirklich vermisst, als ich in Asien war. Da gibt es entweder Sommer, oder etwas weniger Sommer, und im Himalaya eben noch den Winter. Frühling oder Herbst – diese wunderbaren Nuancen, die für mich das Leben in allen Facetten darstellen – gibt es da nicht wirklich. Ich freue mich hier riesig, wenn ich die bunten Herbstblätter bewundere, oder die frischen Knospen im Frühling. Es ist alles schön, und ich mag diese langsamen Veränderungen beobachten und miterleben.

12. Erdung

Das viele Reisen ist nicht besonders gut für Leute mit einer Vata-Konstitution (ayurvedische Konstitution, die aus viel Luft besteht). Das habe ich irgendwann gemerkt. Diese Erschöpfung habe ich nun gegen Erdung ausgetauscht, was mir sehr gut tut. Meine spirituelle Praxis, meine Arbeit, mein Leben insgesamt – alles ist ruhiger, langsamer und ausgeglichener. Vielleicht gibt es äusserlich weniger Aufregung, weniger Neues, weniger Wow-Effekt – aber innerlicher dafür umso mehr. Durch die Erdung wächst etwas sehr Schönes, Neues heran.

 

5 thoughts on “Kleine Schätze: das Schöne an der Heimkehr

  1. WHY SO MANY WESTERNERS IN INDIA?
    At the end of the Ramayana, all the animals who had helped Ram to win the war were given rewards. The monkeys were all told that they could go to a monkey heaven. Now, what is heaven to a monkey? Vast quantities of food, lots of fighting, and limitless sex. So, all the monkeys were reborn as human beings in the West in the twentieth century to experience their idea of “heaven”. After some time, though, they all began to get bored of all this excess. One by one, they all started coming back to India because they wanted to find Ram and be with him again.’
    ~ NISARGADATTA MAHARAJ
    (from David Godman, Remembering Nisargadatta)

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  2. Another great article sisterji! 🙂 Just posted a humorous quote above for comedy factor hey!! :)) …As a Canadian, I must add that one cannot base an opinion on a largely 3-week trip on one island (that indeed contains a lot of privatized land) – to imply that the entire country (second largest by area on the planet) is privatized. 😉 xx

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    1. Of course. Maybe I am biased because it was exactly the same on the East Coast (where I spent two months last winter). I would be happy to hear if it was not like that in the rest of the country! 🙂 Re the humorous quote, indeed India has helped me to understand that God is within. Not in India, not in the West, but simply everywhere in our hearts. ❤

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