Yoga ohne Konsum – geht das?

Gangotri

Seit etwa dreizehn Jahren habe ich einen Traum. Um diesen Traum umzusetzen, bin ich unter anderem nach Deutschland zurückgekehrt. Es handelt sich hierbei um ein kleines, spirituelles Zentrum in der Natur, in dem ich all das teilen kann, was ich in meinen Jahren in Indien (und an anderen Plätzen auf der Welt) gelernt habe.

Allerdings merkte ich schon seit längerem, dass mich irgend etwas blockierte. Obwohl ich eigentlich eine sehr umsetzungsfähige Person bin, und schon viele meiner Träume erfüllen konnte, kam ich bei diesem Projekt nicht wirklich weiter. Und ich wusste auch, dass es nicht daran lag, einen Business Plan zu erstellen oder die geeigneten Immobilien zu finden. Es war etwas anderes, etwas innerliches, das mich daran hinderte, in Aktion zu gehen.

Und so liess ich das Thema erstmal in mir ruhen und wartete darauf, dass sich die Antwort irgendwann zeigen würde. Und das tat sie. Mir wurde auf einmal mit grosser Gewissheit klar, dass ich aus meinem Herzensprojekt kein Business machen möchte. Ich habe schon einmal, vor über zwanzig Jahren, meine Leidenschaft (die Musik) zu einem Geschäft (einem Plattenlabel) gemacht. Anfangs war es toll und aufregend, aber mit der Zeit, als ich nur noch in Verträgen, Rechnungen und anderem Papierkram feststeckte, erstickte es mir meine Freude an der Arbeit und letztendlich auch der Musik.

Und genau das habe ich auch immer wieder bei Freunden und Bekannten beobachten können, die Ashrams oder Seminarhäuser leiten. Anfangs ist da viel Enthusiasmus und Idealismus, aber irgendwann erleiden fast alle einen Burnout. Denn es muss, wie bei jedem anderen Business auch, darauf geachtet werden, dass genug Geld in die Kasse kommt, dass die Zimmer immer belegt sind, dass genug Kurse stattfinden, dass die Bürokratie erledigt wird, und so weiter.

Das will ich definitiv nicht, und genau deswegen konnte ich so lange nicht in Aktion gehen. Was mir eigentlich vorschwebt, ist ein gemeinnütziges Zentrum, das auf Spendenbasis funktioniert. Ein Zentrum, das durch andere (z.B. private) Gelder oder Methoden finanziert wird, und das daher ‘pur’ und auch für die Leiter entspannt bleibt.

Daher kam mir der Impuls: kann ich es anders machen? Kann ich aus dem konventionellen Denken aussteigen, das fast immer ein Geschäftsmodell ist, und etwas erschaffen, das meiner Vision entspricht?

Ich denke, dass es geht. Die Vipassana-Zentren, die auf der ganzen Welt ausschliesslich auf Spendenbasis funktionieren, sind ein gutes Beispiel dafür, sowie der Homa-Hof in Heiligenberg, oder der Rikhiapeeth-Ashram der Bihar School of Yoga in Indien.

Wieso auf Spendenbasis?

Mein Gedankengang ist dabei folgender:

  1. Yoga hatte ursprünglich nie etwas mit Geld verdienen oder Geschäften zu tun. Yoga entstand, um den Menschen zur Erleuchtung (oder zumindest dem inneren Frieden) zu verhelfen, und um sie von Anhaftungen zu erlösen. Dazu gehörte auch die Anhaftung an Wohlstand, Geld, oder andere Umstände im Leben. Das heisst nicht, dass man laut Yoga in Armut leben sollte. Aber wenn ich aus dem umfangenden System, das Yoga ist, einen kleinen Teil herausziehe und diesen Teil dann verkaufe, wiederspricht es eigentlich dem, für das Yoga steht.
  2. In Indien, dem Ursprungsland des Yoga, besteht seit langer Zeit das Dakshina-System. Dakshina heisst so viel wie Gabe oder Geschenk, und es ist dort Tradition, dem Guru (oder spirituellen Lehrer) für seine/ihre Lehren sowie die Unterkunft im Ashram Dakshina zu geben. Jeder gibt, was er/sie kann und möchte. Generell wird es in Indien so gesehen, dass es gutes Karma bringt, Dakshina zu geben. Viele Heiler und Lehrer in Asien leben auch nach diesem System. Wenn wir also manche Teile der indischen Kultur übernehmen, wieso dann nicht die anderen?
  3. Wenn ich der indischen Yoga-Tradition wirklich folge, dann kenne ich die Philosophie des Karmas. Ich glaube, dass dem, der gibt, gegeben wird. Je mehr ich also gebe, umso mehr wird mir logischerweise gegeben. Es kann zwar sein, dass dieses Geben nicht unbedingt von den Menschen kommt, die in mein Zentrum kommen. Aber irgendwann wird es nach dieser Philosophie definitiv stattfinden. Glauben wir das wirklich, oder ist es nur ein schönes Konzept, das wir unseren Schülern erzählen?
  4. Unsere Ökonomie basiert stark auf Angst und Misstrauen. Wieso misstrauen wir uns gegenseitig eigentlich so sehr? Können wir dieses System umstellen auf eines, das aus Vertrauen, Respekt und Liebe besteht? Und wenn ja, wie könnte das gehen?
  5. Eigentlich möchten viele Menschen aus dem finanziellen Druck, in dem sie stecken, heraus. Viele Menschen würden gerne weniger arbeiten und mehr Zeit für sich, ihre Familie und gemeinnützige Projekte haben. Für dieses Ziel müssen wir umdenken und eventuell auch das Konzept des Reichtums anders definieren. Viele Projekte, wie z.B. Pioneers of Change oder die bedingungsloses Grundeinkommen-Idee, beschäftigen sich mit diesem Thema.

Die gleichen Themen sind auch in meiner Arbeit präsent, in der ich meine Erfahrungen in Yoga, Meditation und spirituellen Praktiken teile. Für einige Zeit wurde auch ich in das Konsumdenken des Westens hineingezogen und dachte, dass man das hier eben so macht: man verkauft seine Fähigkeiten. Aber ich merkte schnell, dass mir dies die Leichtigkeit und Freude an der Arbeit raubte.

Daher kam ich auf folgende Idee. Ich möchte meine Theorie austesten. Lässt sich die Daskhina-Theorie auch im Westen leben? Kann ich, will ich dem Universum und dem Gesetz des Karmas wirklich vertrauen? Möchte ich Impulse setzen und Wege öffnen für eine neue Ökonomie, die auf Liebe und Vertrauen basiert? Kann das gutgehen in einem Land, in dem man für Regenwasser bezahlen muss und in dem viele Menschen nur das wertschätzen, für das sie viel zahlen?

Die Antwort ist für mich ein lautstarkes Ja. Ich möchte das ausprobieren.

Daher werde ich ein Jahr lang meine gesamte Arbeit auf Spendenbasis anbieten. Das beinhaltet Yoga- und Meditationskurse, Feuerzeremonien, Yogic Lifestyle-Coaching und Retreats. Jedem  ist freigestellt, das zu geben, was er/sie kann oder will und was ihm/ihr die Arbeit wert ist. Ich werde über dieses Experiment einen Blog führen und meine Erfahrungen darin teilen.

Ich bin sehr gespannt auf dieses Projekt und das, was es alles mit sich bringen wird. Ich freue mich auch auf Eure Rückmeldungen und Anregungen, besonders, wenn Ihr auch im Feld des Yoga und der Heilung arbeitet.

Wie schon unser indischer Held Mahatma Gandhi einst sagte:

Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt. 

 

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