Was ist eigentlich Reichtum? Gedanken zu einem anderen Wertesystem

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Vor zwei Wochen ist mein neues Projekt, meine Arbeit für ein Jahr auf Spendenbasis anzubieten, enstanden (mehr dazu könnt Ihr hier nachlesen). Ich möchte mit diesem Projekt austesten, ob und wie eine andere Art der Ökonomie möglich ist, und dazu auch Denkanstöße und Diskussionspunkte anregen.

Die ersten beiden Woche liefen sehr gut. Es kamen viele positive Resonanzen von Kolleginnen, Schülern und Yogastudio-Besitzerinnen, die mir sofort anboten, mich zu unterstützen, indem sie mich die Raummiete auch per Spende bezahlen lassen. Genau so habe ich mir das vorgestellt – diese Art von Projekt kann nur funktionieren, wenn die weitere Community darauf eingeht.

Seitdem hatte ich zwei Veranstaltungen, bei denen ich den Teilnehmern von dieser Idee und meinen Beweggründen erzählte. Dies löste erstmal etwas Stutzen, Nachdenken,  aber auch Neugierde und sogar Begeisterung aus. Prozentuell gesehen spendeten die Teilnehmer nach der ersten Veranstaltung etwa 3.5 mal mehr als gewohnt; bei der zweiten Veranstaltung kamen ungefähr ein Drittel von dem zusammen, was ich bekommen hätte, wenn ich die Feuerzeremonie als Workshop angeboten hätte. Es hält sich bis jetzt also die Waage, und die Menschen müssen sich wohl erstmal an das Konzept gewöhnen.

Für mich hatte meine Entscheidung den schönen Seiteneffekt, dass ich alle Ängste und Bedenken, die sonst so mit dem Überleben zu tun haben, völlig abgeben konnte. Meine Arbeit fühlt sich jetzt wieder sehr leicht an, weil ich einfach darauf vertraue, dass ich den für mich richtigen Weg gehe und dass das Universum mich dabei unterstützen wird. Was ich auch bemerke, ist,  dass mir plötzlich Arbeit von allen möglichen Seiten angeboten wird, ohne dass die Leute wissen,  dass ich dieses Jahr auf Spendenbasis arbeite. Plötzlich melden sich Seminarhäuser, Yogastudios, Vereine und Privatpersonen, die mich buchen möchten. Und viele bieten mir von selber das an, was sie gerne zahlen möchten. Zudem hörte ich gestern von einer Yogalehrerin, die, inspiriert von meinem Projekt, jetzt das Gleiche in einem Seniorenheim anbietet.

Ich hatte diese Woche auch ein Gespräch mit einer Organisation, die neue Projekte in der Region fördert. Ich erzählte von meiner Idee, ein gemeinnütziges Zentrum für Yoga, Meditation und ganzheitliche Gesundheit zu gründen, und wurde informiert, dass solch ein Zentrum gut in das Konzept passen könnte. Ich werde mich also in den kommenden Monaten daran machen, zu visionieren, wie das in der Praxis aussehen könnte, und mich mit anderen Leuten zusammenschliessen, die ähnliche Ideen haben. Es ist ein wirklich interessanter Prozess. Ich bleibe gespannt.

Was mir bei der ganzen Sache hilft, ist immer wieder die Frage: was ist eigentlich Sinn der Sache? Wozu möchtest du deine Arbeit machen? Ist es, um deinen Lebensunterhalt zu verdienen? Nein (obwohl es natürlich schön ist, wenn das auch irgendwie passiert). Es geht mir darum,  den Menschen die Spiritualität näherzubringen. Und warum? Weil die Spiritualität der einzige Weg ist, den ich kenne, der uns aus der optischen Illusion, in der wir größtenteils leben, herausholen kann. Viele von uns leben in einem Leid, das eigentlich gar nicht existiert. Oder eher, es existiert, aber basiert auf einer Illusion. Und diese Illusion sorgt für immer mehr Leid, Konflikte und Unfrieden. Yoga, Meditation und andere spirituelle Praktiken sind sehr hilfreich, die Dinge so zu sehen,  wie sie eigentlich wirklich sind. Und zu diesem Erwachen etwas beizutragen, ist der Beweggrund für meine Arbeit.

Aber zurück zum Reichtum. Ich finde, dass sich das finanzielle System und die Art, wie wir Reichtum sehen, verändern müssen, wenn wir auf eine entspanntere und erfülltere Art leben möchten. Im Moment sind viele noch in ein System eingebunden, in dem man arbeiten muss – nicht, weil man es unbedingt möchte oder es für sinnvoll hält, sondern damit man Miete, Nebenkosten, Auto, Lebensmittel, etc etc zahlen kann. Viele sehen da erstmal keinen anderen Weg, und daher gibt es in den westlichen Ländern so viele gestresste Menschen, die sich grämen, weil sie keine Zeit für die erfreulichen Dinge im Leben haben und an Burn-Out leiden.

Es geht aber auch anders. Vor etwa 10 Jahren lebte ich in Leamington Spa in England, und wir hatten dort ein gänzlich alternatives Handelssystem namens LETS. Zahlreiche Menschen waren in dieses System eingebunden, das mit einer fiktiven Währung namens Oaks funktionierte. Letztendlich wurden Zeitstunden ausgetauscht. Wenn ich zum Beispiel einen Elektriker brauchte und dieser eine Stunde für seine Arbeit benötigte, wurde ihm diese Stunde durch besagte Oaks gutgeschrieben. Er konnte dann von mir, oder jeder beliebigen anderen  Person in diesem System eine Leistung beanspruchen. Dies funktionierte sehr gut – ohne Geld und mit dem schönen Nebeneffekt, dass sich eine starke und kreative Gemeinschaft zusammenschloss. Jeder half jedem.

Ein guter Freund von mir namens Rob war in diesem System sehr aktiv. Er war von Beruf eigentlich Krebs-Wissenschaftler, kehrte der Wissenschaft aber den Rücken, weil er in den Konzernen viele Dinge beobachtete, die für ihn keine Integrität hatten. So entschied er sich stattdessen, von zu Hause zu arbeiten und einen Grossteil seiner Zeit seiner Familie (er hat eine Frau und drei Kinder) sowie dem LETS-System zu widmen. Dies hiess zwar, dass er weniger Geld, dafür aber wesentlich mehr Zeit und Lebensqualität hatte. Er vertraute dem Universum – und hatte eigentlich immer das, was er brauchte.

Ich finde auch, wir sollten immer mehr überdenken,  was Reichtum ist und was uns denn wirklich glücklich macht. Sind es Geld und Konsumgüter, oder ist es Zeit? Freiheit? Freunde? Abenteuer? Sinnvolle Beschäftigung? Es gab Zeiten in meinem Leben, in denen ich wahnsinnig viel Geld hatte, ein grosses Haus, meine eigene Firma, ein tolles Auto, Ansehen, Erfolg und alles, was man sich materiell so wünschen kann. War ich glücklich? Teils schon, aber rückblickend sehe ich, dass es ein oberflächliches Glück war, das auch darauf basierte, eine gewisse Leere in mir zu füllen.

Ich erinnere mich hauptsächlich daran, dass ich sehr wenig Zeit hatte, das zu tun,  was ich wirklich tun wollte: reisen und Abenteuer erleben. Deshalb gab ich das alles irgendwann auf und zog mit einem Rucksack in die Welt, und das war für mich eine sehr wertvolle Entscheidung. Nichts hat mich reicher und glücklicher gemacht als die vielen Begegnungen, Erfahrungen, Erkenntnisse, Kulturen und die Freiheit, die ich als Nomadin, die nur dem Ruf ihrer Seele folgte, hatte.

Das heisst jetzt nicht, dass jeder von uns diesen Weg gehen sollte. Jeder Weg ist individuell. Aber was wir uns alle fragen können, ist: Was macht mich wirklich reich? Was brauche ich, damit mein Herz singt? Und wie kann ich es umsetzen?

Wie Robert Rabbin, ein kürzlich verstorbener spiritueller Lehrer zu sagen pflegte:

‘Act creatively. Wave your magic wand in spite of conventional thinking and slim-to-no chance. A locked door? Slip through the keyhole.’  

‘Agiere mit Kreativität. Schwinge deinen Zauberstab ungeachtet von konventionellem Denken und geringen Chancen. Eine verschlossene Tür? Schlüpf durch das Schlüsselloch.’

Dem kann ich nichts mehr hinzufügen.

 

2 thoughts on “Was ist eigentlich Reichtum? Gedanken zu einem anderen Wertesystem

  1. Ich finde dein Unterfangen, auf Spendenbasis deine Arbeit zu verrichten, interessant und inspirierend. Ich mache mir zur Zeit vor allem Gedanken zur Arbeit und was sie bedeutet oder WIE man sie ausüben kann. Lieber Gruss

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