Wieviel gibt es eigentlich wirklich zu tun, und wieviel davon ist Illusion? Reflektionen über unsere Lebensaufgabe und die Kunst, auf unsere Seele zu hören

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‘Alle Menschen sind auf der Reise nach Selbstverwirklichung. Auf einer banaleren Ebene sind die Menschen von der Idee besessen, dass sie etwas Besonderes zu tun haben. Für die meisten Leute bedeutet das Tun, bzw. die Bewegung das Leben, und Stille den Tod. Zu leben bedeutet, sich zu bewegen und zu tun…. Wenn jedoch das Verständnis sich verändert und vertieft, dann realisieren wir, dass Stille das Potential ist, die Wiege, der Schoß, wo alles Eins ist, Eins – wo nichts in Isolation existiert.‘

(Swami Nityamuktananda Saraswati, aus ihrem Buch ‘Shree – A Woman’s Journey to the Centre’)

Neulich kam ich mit einer alten Freundin in Kontakt. Diese Freundin hat schon verschiedene interessante Leben geführt. Als ich sie einst im englischen Glastonbury kennenlernte, war sie, wie ich, Priesterin von Avalon, und zudem sehr involviert in der Welt des westlichen Tantra. Später schaffte sie sich eine Menge Schlangen an, darunter auch zwei riesige Anacondas aus dem Amazonas, die in ihrem Schlafzimmer lebten und mit einem Stock in Schach gehalten werden mussten, wenn man sie aus dem Gehege ließ. Und dann folgte die Ayahuasca-Phase, in der sie sich für acht Jahre mit Leib und Seele der psychotropischen Szene verschrieb und viele Retreats als Sängerin und genereller Superstar begleitete. Kein langweiliges Leben also.

Lange hatten wir keinen Kontakt, bis ich sie neulich mal anschrieb, um zu sehen, wie es ihr geht. Ihre Antwort erstaunte mich. Sie hat alle ihre Abenteuer hinter sich gelassen, um nun ein ruhiges Leben in einem kleinen Dorf zu führen, wo sie als Putzhilfe und Altenpflegerin arbeitet. Es sei eine große Umstellung, sagte sie, aber sie sei letztendlich vom Glamour und Ego der spirituellen Szene desillusioniert worden.

Ihre Aussagen fanden Resonanz in mir. Mal abgesehen davon, dass ich mich nach vielen Jahren abenteuerlichen Wanderns in der spirituellen Welt auch in ein kleines Dorf zurückgezogen habe und ein relativ einfaches Leben führe, fand ich, dass diese Freundin spirituell enorm gewachsen ist. Ich spürte jetzt eine Bescheidenheit, Klarheit und Einfachheit in ihr, die vorher nicht vorhanden waren. Und als sie ihre jetzige Beschäftigung in Frage stellte, sagte ich ihr, dass es von großer innerlicher Stärke zeugt, ein äußerlich aufregendes, glamouröses Leben gegen ein ruhiges, introspektives Leben einzutauschen. Sie steht jetzt in einem Dienst, anderen Menschen zu helfen, der vorher nicht so präsent war.

Generell ist es im materiellen Leben ja so, dass man Erfolge an Äußerlichkeiten wie viel Geld, Besitz, Status und Macht misst. In spirituellen Kreisen wird viel über den Life Purpose, die Lebensaufgabe, gesprochen. Und obwohl ich Verfechter der Theorie bin, dass jeder das machen sollte, was ihn oder sie erfreut und erfüllt, hat dieser Life Purpose doch oft sehr viel mit unserem Ego zu tun. Genauer gesagt: die Lebensaufgabe sollte möglichst spektakulär und aufregend sein, uns viel Geld, Ansehen und eventuell auch Ruhm bringen. Zumindest sollten wir ganz viele Menschen mit unserer Arbeit erreichen und vor allen Dingen sehr beschäftigt sein. Dann haben wir es geschafft.

Aber was wäre, wenn unsere wirkliche Lebensaufgabe etwas ganz Einfaches und Bescheidenes ist? Etwas, von dem keiner außer uns wüsste? Etwas, das innerlich stattfindet, wie zum Beispiel Beten, Meditieren, oder an unserem inneren Prozess zu arbeiten? Oder vielleicht einfach freundlich und mitfühlend mit allen Lebewesen zu sein?

Die Suche nach dem äußeren Erfolg erinnert mich manchmal an die Rückführungen in frühere Leben, in denen jeder Kleopatra oder Napoleon oder zumindest eine Hohepriesterin gewesen ist – aber keiner ein einfacher Bauer oder Handwerker 😉

Aber was ist denn Erfolg wirklich? Was macht Dich im Inneren wirklich glücklich und erfüllt, mal ganz abgesehen von Geld und Anerkennung? Was würdest Du tun, wenn Du finanziell abgesichert, alleine auf der Welt wärst und den ganzen Tag lang genau das tun könntest, was Du willst?

Wenn wir in uns gehen und eine Zeitlang in der Stille verweilen, hören wir oft die Antwort unserer Seele. Und die kann sehr überraschend sein. Aber unsere Konditionierungen und gesellschaftlicher Druck übertönen oft diese innere Stimme, die immer ganz genau weiß, was gut für uns und unseren Wachstum ist. Daher lohnt es sich, immer wieder in die Stille zurückzukehren, um die Verbindung mit unserer inneren Weisheit nicht zu verlieren.

Wenn wir uns daran erinnern, dass die ultimative Lebensaufgabe eines jeden Menschen ist, zum Ursprung der Quelle unseres Seins zurückzukehren, verlieren viele vermeintlich dringende Dinge ihre Wichtigkeit. Natürlich ist es wichtig, dass wir für uns und unsere Familie sorgen, aber wieviel brauchen wir denn wirklich? Was hat Priorität? Viel materieller Besitz, oder Zeit, um das zu machen, wonach Deine Seele sich wirklich sehnt? Um uns daran zu erinnern, wer wir sind? Das muss jeder für sich selbst beantworten.

Wir vergessen oft,  dass wir schon genug sind, so wie wir sind. Der innere Sklaventreiber, der uns so gerne im Nacken sitzt und uns ständig dazu animieren will, mehr zu tun, mehr zu erreichen und besser zu sein ist nichts anderes wie unser tiefer, unbewusster Glaubenssatz, ohne diese Dinge nicht liebenswert zu sein. Jedoch gibt es kaum eine größere Illusion als diese.

Wenn wir das Licht und die Liebe, die wir sind, endlich wieder erkennen, dann gibt es keine wichtigere Aufgabe mehr, als allen Wesen mit Mitgefühl zu begegnen und ihnen zu diesem inneren (und dadurch auch äusseren) Frieden zu verhelfen. Dies können wir zum Beispiel, wie meine Yoga-Lehrerin Judith Laster neulich in einem Workshop in London sagte, durch unsere Freundlichkeit, Präsenz, Geduld und unsere tief verwurzelte Dankbarkeit an die Welt tun.

 

 

 

 

 

 

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