‘Wer gibt, dem wird gegeben’ (wenn wir das wirklich verstünden, dann sähe die Welt ganz anders aus)

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Heute möchte ich darüber schreiben, was es bedeutet, im Fluss von Geben und Nehmen zu sein – und wie das Eine ohne das Andere diesen Fluss blockiert. Im Hinduismus und im Buddhismus gibt es da ein schönes Konzept namens Dāna, Sanskrit für Geben. Dāna ist eine Praxis, ‘die uns daran erinnert, dass wir auf der Welt nichts auf Dauer besitzen. Alles ist uns nur für eine gewisse Zeit geliehen. Dāna bedeutet, dass man an den Dingen, die man besitzt, nicht hängen soll. Das kann man erreichen, wenn man mit anderen teilt und ab und zu etwas verschenkt. Das Schenken soll mit Freude geschehen und ohne etwas dafür zu erwarten.’ (Zitat aus ‘Der kleine Fakir Namu und der Fünffache Pfad’ von Birgitt Heigl, ein wirklich tolles Buch übrigens)

Dieses Konzept probiere ich gerade mit meinem Experiment, meine Arbeit für ein Jahr auf Spendenbasis anzubieten, aus (siehe hier für mehr zum Thema). Wir Ihr in vorigen Blogs lesen konntet, verläuft dieses Projekt recht gut. Alles ist im Fluss. Interessante Projekte, Gelegenheiten und Begegnungen sind an der Tagesordnung, und auch Geld ist genug da. Ich merke, dass, je mehr ich ohne Erwartungshaltung mache, was ich für sinnvoll halte, umso mehr kommt zu mir zurück – auf ganz unerwarteten und manchmal sogar seltsamen Wegen. Es ist, als sei ein Damm gebrochen.

Was ich allerdings beobachte, ist, dass das Wort ‘Spendenbasis’ viele Leute verwirrt. Manche glauben, Spendenbasis bedeutet ‘kostenlos’; einige Leute haben keine Ahnung, was sie geben ‘sollen’, möchten oder können. Im Schnitt habe ich gemerkt, dass Leute tendenziell eher weniger geben als mehr. Dies ist nicht der Fall bei regulären Yogastunden (bei diesen richten sich die Leute meist nach dem Preis der anderen Klassen), sondern eher bei Workshops oder anderen Veranstaltungen. Bei letzteren habe ich gemerkt, dass das Einkommen prozentual gesehen bis zu 40% unter dem gängigen Festpreis liegen kann. Was ich jetzt nicht schlimm finde – aber interessant eben. Es stellt sich mir dann die Frage: ist dies der Preis, den die Leute freiwillig zahlen möchten oder können? Hiesse das dann, dass wir generell zu viel für unsere Workshops verlangen, oder einfach, dass manche Leute sich für ärmer halten, als sie es in Wirklichkeit sind?

Es kommt eher selten vor, dass jemand freiwillig mehr gibt. Dazu möchte ich eine kleine Anekdote erzählen. 2009 machte ich zum ersten Mal einen Vipassana-Meditationskurs in England mit, der völlig von Spenden getragen wurde. Es handelte sich hierbei um einen 10-tägigen Kurs mit Unterkunft und Verpflegung. Am Ende des Kurse konnte man sich aussuchen, wieviel man spenden wollte. Es gab keinerlei Vorschläge oder Zwang, man sollte einfach geben, was man von Herzen geben konnte. Da mir der Kurs sehr viel gebracht hatte, gab ich £500 (etwa 575 Euro nach dem  heutigen Stand) und empfand es eigentlich noch als wenig. Als ich zu dem Büro ging, um diese Summe zu zahlen, starrte die Frau mich etwas seltsam an und fragte nach ‘You want to give £500!?’ (‘Du willst £500 geben?’) ‘Er, yes’, erwiderte ich und dachte innerlich, vielleicht ist sie entsetzt, weil es zu wenig ist? Sie sagte aber dann nichts weiter und nahm die Spende entgegen.

Einige Zeit später erzählte ich die Begebenheit einem Freund, der schon jahrelang in der Vipassana-Organisation arbeitet. Dieser machte fast das gleiche Gesicht wie die Frau damals und fragte mich, ‘You gave £500!?’ ‘Er, yes’, sagte ich wieder, und fragte ihn dann, ob das zu wenig gewesen sei. Er lachte und sagte, nein, im Schnitt würden die meisten Leute etwa £60 bis £70 für den gesamten Kurs geben. Dass einer £500 gäbe, würde so gut wie nie vorkommen. Jetzt war ich diejenige, die einen seltsamen Gesichtsausdruck bekam. Es verwunderte mich wirklich, denn wir sind hier im Westen und viele Leute, die zu Vipassana-Kursen gehen, arbeiten und leiden nicht zu sehr unter Armut.

Das soll jetzt nicht heissen, dass man notgedrungen viel Geld für spirituelle Seminare oder ähnliches ausgeben sollte und dass dieses Geben einen dann ‘spiritueller’ oder ‘besser’ macht (obwohl man dies in Indien auch glaubt). Aber man könnte eben auch bedenken, dass die Kurs-Organisatoren oft recht hohe Kosten und viel Arbeitsaufwand haben und auf die Spenden angewiesen sind, damit diese Veranstaltungen weiterhin laufen können.

Meines Empfindens nach hat dies oft einiges mit innerem Mangeldenken zu tun. Die äussere Fülle ist ein Spiegel unseres inneren Gefühls. Wenn wir innerlich glauben, dass wir zu wenig haben, dann spiegelt sich das auch im Äusseren (und in unserer Gebe-Bereitschaft) wieder. Albert Schweitzer sagte einmal, dass das Glück das einzige ist, das sich verdoppelt, wenn man es teilt. Dann kam Katja Sundermeier und sagte, nein, die Liebe sei das einzige, das sich verdoppele, wenn man es teilt. Meine Wenigkeit würde aber jetzt noch hinzufügen, dass alles, auch Geld, sich vervielfältigt, wenn man es teilt – denn auch das ist ein Aspekt von Karma und der logischen Wissenschaft des Universums.

Ich persönlich habe immer wieder die Erfahrung in meinem Leben gemacht, dass, je mehr ich gebe und teile, umso mehr kommt auf allen möglichen Wegen zu mir zurück. Besonders Geld. Wenn Ihr mir das jetzt nicht glauben solltet, dann probiert es doch einfach mal aus 🙂 Verschenkt Zeit, verschenkt Geld, verschenkt Sachen, verschenkt Liebe, Lächeln, Komplimente und Blumen, und schaut mal, was passiert.

Die Inder wissen das. Sie geben leidenschaftlich gerne – besonders an Priester, Sadhus und für wohltätige Zwecke. Ganz selbstlos ist das natürlich nicht, denn a) sieht man das Geben dort als Statussymbol und gibt damit sehr gerne an, und b) glaubt man, man könne so sein schlechtes Gewissen loswerden. In Gangotri zum Beispiel, ein wichtiger Pilgerort in Nordindien, leben die Sadhus (Wandermönche) wie die Mäuse im Speck, weil reiche, korrupte Geschäftsmänner da ganze Vermögen spenden, um sich so von der von ihnen viel geübten Korruption zu reinigen. Aber mal davon abgesehen kennt in Indien eigentlich jeder das Gesetz von Karma, das besagt: was immer Du aussendest, kommt irgendwann mal vervielfältigt zu Dir zurück. Tu Gutes, und Gutes wird auch Dir geschehen. Vielleicht nicht heute oder auch nicht morgen, aber irgendwann bestimmt.

Aber darum geht es letztendlich auch gar nicht. Es geht darum, einfach aus Freude und Liebe heraus zu geben – einfach so. Alles andere ist Nebeneffekt – wenn auch ein schöner! 😉

 

 

 

 

 

2 thoughts on “‘Wer gibt, dem wird gegeben’ (wenn wir das wirklich verstünden, dann sähe die Welt ganz anders aus)

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