Corona und die Macht des Egos, oder: Über den Mut, uns selbst infrage zu stellen

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Die Diskussionen über die Corona-Maßnahmen spalten unser Land gerade in zwei Lager. Auf der einen Seite stehen die Wissenschaft, die Regierung und ein Großteil der Bevölkerung. Auf der anderen Seite machen die ‘kritischen Stimmen’ auf sich aufmerksam: ein buntes Gemisch aus besorgten Bürgern, Impfgegnern, Reichsbürgern, Linken, Rechten, sowie einigen Ärzten. Diese demonstrieren auf der Straße, erstellen Youtube-Videos, gründen Parteien und bezeichnen die Maßnahmen der Regierung generell als übertrieben, unnötig oder gar bösartig.

Es geht mir in diesem Artikel nicht darum, dazu Stellung zu beziehen. Was mir jedoch von Anfang an immer wieder auffällt, ist, dass jeder auf einmal ein absoluter Experte im Themengebiet Coronaviren ist. Selbst Menschen, die weder im medizinischen Bereich noch in der Wissenschaft arbeiten und mit großer Wahrscheinlichkeit vor 2020 noch nie etwas von Coronaviren gehört haben. Jeder scheint auf einmal mit großer Autorität zu wissen, wie gefährlich bzw. harmlos oder ansteckend Covid-19 ist. Jeder weiß genau, wo das Virus herkommt, wer es auf die Welt gesetzt hat, und aus welchem Grund. Manche wissen auch, dass es eigentlich gar kein Virus gibt, sondern dass die Krankheitssymptome Auswirkungen der 5G-Strahlungen sind.

Egal, welche Position diese Menschen beziehen, eins haben sie alle  gemeinsam: sie sind absolut überzeugt von der Korrektheit ihrer Ansichten. Kaum eine Person sagt: ‘es könnte sein…’ oder ‘ich vermute…’. Und noch weniger Menschen haben den Mut (oder die Demut?), zu sagen: ‘Ich weiß es nicht.’

Woran liegt das?

Wenn renommierte Experten wie Christian Drosten, dessen absolutes Spezialgebiet Coronaviren sind, noch nicht einmal genau wissen, was Sache ist, wie kommt es dann, dass Bürger ohne medizinisches Hintergrundwissen die Coronaviren auf einmal besser kennen wie er und seine Kolleginnen und Kollegen?

Ich glaube, hier manifestiert sich die Angst in vielerlei Formen. Sehr viele Menschen fürchten gerade die Krankheit oder den Erstickungstod (verständlich) und wünschen diese auch keinem Anderen (sehr verständlich). Daher halten sie sich an die Vorgaben der Regierung, egal, wie restriktiv sie gerade erscheinen mögen. Dafür werden sie wiederum von anderen Menschen als ‘Schlafschafe’, ‘Systemlinge’ und ‘Mitläufer’ bezeichnet.

Genau diejenigen Menschen aber, die nun en masse auf den Strassen demonstrieren und die ‘Schlafschafe’ belächeln und beschimpfen, haben jedoch auch Angst: vor Zwangsimpfungen (verständlich), vor Diktatur und Kontrolle durch den Staat (auch verständlich), oder aber vor dunklen Mächten, die uns alle kontrollieren oder eliminieren wollen. Auch irgendwie verständlich. Diese Leute werden von den ‘Schlafschafen’ wiederum als ‘Verschwörungstheoretiker‘ bezeichnet.

Auf beiden Seiten herrscht Polarisierung, Abwertung und Verunglimpfung, aber wenig Empathie. Mir scheint es, als ob es sich hierbei um zwei Seiten der gleichen Medaille handelt. Angst ist Angst, egal vor was. Angst verursacht starke Emotionen und fördert nicht unbedingt das klare, rationale Denken.

Aber woher kommen die Angst und die starken Überzeugungen und Emotionen in dieser Zeit? Wieso lassen sich so viele Menschen von Theorien  beeinflussen, für die es weder Beweise noch Fakten gibt? Wieso ist es so schwer für viele von  uns, im Moment zu bleiben und erst einmal abzuwarten, wie sich die Dinge entwickeln?

Ich glaube, es ist eine Frage unseres Ich-Bewusstseins. Das menschliche Ego liebt die Sicherheit (die es in Wirklichkeit nicht gibt, egal wie sehr wir uns das vorgaukeln). Es braucht etwas, an dem es sich festhalten kann: Ideen. Glauben. Systeme. Gewissheit. Diese nicht zu haben, macht unserem Ego große Angst. Daher ist es für viele Menschen sehr schwierig, mit Ungewissheit zu leben. Und so suchen wir nach einer Erklärung oder einem Sündenbock. Wo kämen wir denn da hin, wenn ein Virus einfach so entstehen könnte, ohne Zutun einer bösartigen Elite? Unser Weltbild würde zusammenbrechen. Wir müssten zugeben, dass wir nicht wissen, was Sache ist. Und das verunsichert.

Etwas ähnliches geschah schon einmal im Jahre 1348, als die Pest in Europa wütete und Millionen Menschen daran starben. Damals verbreitete sich der Mythos des ‘jüdischen Brunnenvergifters’. Man glaubte, die Juden hätten die Brunnen der Städte willentlich vergiftet. Als Resultat stiegen die Pogrome und Morde an Juden sprunghaft an. Dass die Pest an dem unsichtbarem Bakterium Yersinia pestis lag, ahnte zu dieser Zeit natürlich noch keiner.

Wir müssen achtsam sein, dass wir uns jetzt nicht wieder von solch bequemen Trugbildern verführen lassen. Ich appelliere hiermit an unser aller Viveka, Sanskrit für Unterscheidungskraft. Mögen wir offen und neugierig bleiben, und nicht sofort voreilige Schlüsse ziehen, nur weil sie vielleicht in unser generelles Weltbild hineinpassen. Lasst uns hinterfragen, warum eine Theorie so überzeugend scheinen mag, obwohl es keine fundierten Fakten dafür gibt. Lasst uns unsere Ängste ernst nehmen, in sie hineinspüren und offen dafür sein, was dahinterstecken mag. Und lasst uns die Zeit nehmen, Theorien wirklich zu recherchieren, anstatt unsere Ideologien aus Youtube-Videos zurechtzuschustern, die inzwischen jeder ins Internet stellen kann. Mögen wir offen dafür sein, dass wir eben nicht alles wissen, und dass das völlig okay ist.

Und lasst uns auch einmal darüber nachdenken, wie es sich für Menschen wie Bill Gates und Christian Drosten gerade anfühlt, wenn sie von uns verteufelt werden. Bill Gates ist mit Sicherheit kein Engel (wer von uns ist das schon?) und mit Sicherheit ist die Pharma-Industrie fragwürdig, aber gleichzeitig widmet er sich auch vielen wohltätigen Zwecken, unter anderem der Bekämpfung des Klimawandels. Ich weiß nicht, was ihm jetzt gerade durch den Kopf geht, wenn wir ihm auf einmal unterstellen, er wolle uns alle mit Microchips zwangsimpfen und fernsteuern. Besonders empathisch und respektvoll kommt mir das nicht vor, besonders, wenn diese Anschuldigungen von Menschen kommen, die Yoga praktizieren und immer wieder über die Verbundenheit und Einheit aller Menschen predigen.

Meiner Meinung nach verpassen wir gerade eine großartige Gelegenheit, unsere Welt nachhaltiger und fairer zu gestalten. Jetzt, in diesen ungewöhnlichen Zeiten, wo der Flugverkehr brach liegt und viel weniger konsumiert wird, können wir verstehen, dass wir gar nicht so viel brauchen, wie wir immer gedacht haben. Lasst uns diese Zeit nutzen, um uns auf positive Projekte zu konzentrieren. Was können wir in der  Zukunft anders machen? Wie können wir eine nachhaltige Wirtschaft erschaffen, die für alle Menschen fair ist, und nicht nur für einige wenige? Wie können wir die Umwelt besser schützen? Wie können wir ein Leben führen, das nicht so konsumgesteuert ist und uns wirklich glücklich und zufrieden macht?

Corona ist nicht schuld an unseren sozialen Problemen. Es zeigt diese nur auf.  Zum Beispiel, dass die Wirtschaft nicht endlos weiterwachsen kann, weil die Ressourcen der Erde limitiert sind. Häusliche Gewalt war schon immer ein Problem, genauso wie Einsamkeit und psychische Krankheiten. Lasst uns doch mal die Ursachen dieser Misstände beleuchten. Vielleicht ist es genau dieses überholte System, das die Leute  überfordert und krank macht, weil sie ständig mehr arbeiten sollen, um mehr kaufen zu können. Was ihnen weniger Zeit lässt, sich um ihre Kinder oder alten Eltern zu kümmern. Lasst uns einfach mal innehalten und darüber nachdenken, anstatt sofort die ‘alte Normalität’ zurückzufordern. War die denn wirklich so wunderbar? Oder könnte es sein, dass sie sowieso schon kurz vor dem Zusammenbruch stand?

Vor allen Dingen: Lasst uns dem Leben vertrauen. Eines meiner Lieblings-Zitate stammt von dem buddhistischen Mönch Ajahn Brahm, der sagte: ‘Gut, schlecht, wer weiß das schon?’ Die wahre Bedeutung der Begebenheiten kennen wir oft erst im Rückblick. Und wenn wir wirklich frei sein wollen, dann müssen wir all unsere Überzeugungen und Ideen loslassen, um offen zu sein für das, was wirklich ist – ungetrübt von unseren Ängsten, Emotionen und Konditionierungen.

Wenn wir jetzt unsere Energien bündeln und uns darauf ausrichten, den Umschwung in eine nachhaltigere Welt zu bewirken, könnte etwas wirklich Wundervolles entstehen.

Was meinst Du?

2 thoughts on “Corona und die Macht des Egos, oder: Über den Mut, uns selbst infrage zu stellen

  1. Ganz toll in Worte gefasst.
    Und eine zusätzliche Überlegung: Ich mag diese Diskussion, mit oder an Corona und Vorerkrankung gar nicht. Ich glaube, dass wir die genauen Gründe (also ich sowieso nicht, aber Ärzte vermutlich auch nicht) noch gar nicht so genau bestimmen können und haben die Menschen mit Vorerkrankung (und mir ist es da auch egal, ob “selbstverschuldet” oder nicht) nicht auch ein Recht auf ein schönes und möglicherweise langes Leben verdient?
    Zu Beginn der Maßnahmen, haben wir noch den Zusammenhalt gefeiert. Wann ist das verschwunden?

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    1. Danke für Dein Feedback! Und ja, da stimme ich Dir zu. Mir kommt es so vor, als ist der Zusammenhalt nur da, wenn er uns nicht zu sehr beeinträchtigt. Indem wir uns erzählen, dass Corona nur ‘die anderen’ (Alten, Vorerkrankten) betrifft, machen wir es uns sehr einfach. Es betrifft uns ja dann nicht (es sei denn, wir haben Diabetes, oder Allergien etc. etc.).

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